Was kann man tun wenn das Kind während der Reise heimweh bekommt? Tipps und ein Erfahrungsbericht, was helfen kann.
Seit zwanzig Tagen reisen wir durch Teneriffa und obwohl unsere Kinder es genießen neues zu entdecken, ist unser Großer seit zwei Tagen unglaublich traurig und schlecht gelaunt. Selbst nachts zeigt er ein ungewöhnliches Verhalten indem er schlafwandelt. Was ist da los? Da er mit seinen dreieinhalb Jahren das Wort und wahrscheinlich auch das Gefühl von heimweh noch gar nicht kennt, musste ich erstmal mit ihm zusammen herausfinden, was überhaupt los ist. Schließlich fanden wir heraus: Er möchte nicht mehr hier sein, er will nachhause zu unserer Katze, zum Kindergarten, in unser Haus. Selbst bei der aufregenden Segelbootsfahrt mit Walen und Delphinen, die wir gestern gemacht haben, schaute er drein wie sieben Tage Regen und fragte mich, warum denn die Leute ihn alle immer anschauen würden. Tatsächlich versuchten die anderen Bootsfahrtteilnehmer ihn aufzumuntern und Späße mit ihm zu machen. Bei seinem Verhalten musste ich an das Kulturschockmodell nach Dubois und Oberg denken.
Kurzer Exkurs: Der Kulturschock
Während eines Auslandsaufenthalts durchlaufen wir mehrere Phasen. Zu Beginn befinden wir uns in der Honeymoonphase: Wir freuen uns riesig auf die Reise, kommen an und sehen erstmal alle positiven Dinge. Sonne, Meer, schöne Architektur, lächelnde Menschen. Darauf folgt eine mehr oder weniger ausgeprägte Krise, ausgelöst durch beispielsweise negative Erfahrungen, Eindrücke oder sprachliche und auch interkulturelle Missverständnisse. In Naels Fall gab es da auch ein Schlüsselereignis: Beim planschen im Pool ist er verbotenerweise vom Beckenrand gesprungen, woraufhin der Bademeister (zu Recht) etwas zu ihm gesagt hatte. Nur konnte Nael ihn sprachlich nicht verstehen und hat es sich wahrscheinlich schlimmer vorgestellt als es eigentlich war. Hinzu kommt, dass ständig zu ihm und dem Baby fremde Menschen kommen, sie berühren und etwas zu ihnen sagen, wie „Que bonito, lindo“. Da kommen bei so einem Kind bestimmt ganz schön viele Eindrücke zusammen, die auch mal irritierend sein können. Auf den Tiefpunkt des Kulturschocks folgt aber dann die Phase einer Erholung, indem wir uns mit den neuen kulturellen Umständen arrangieren und im Idealfall Elemente davon adaptieren. Das kann sehr bereichernd sein. Aber dazu müssen wir es erstmal schaffen aus dem Tief zu gelangen.
Wie wir als Eltern akut unterstützen können
- Das Kind und seine Gefühle ernst nehmen und besonders viel Aufmerksamkeit und Liebe schenken
- Dem Kind zuhören und ihm beim Artikulieren seiner Gefühle helfen
- Manchmal hilft schon ein Videoanruf mit Großeltern oder Freunden aus der Heimat
- Gemeinsam mit dem Kind überlegen, worauf man sich zuhause besonders freut und was man bis dahin auf der Reise noch sehen oder erleben möchte
- Sich viel Zeit für Erklärungen nehmen: Warum laufen Dinge hier anders, wie verhalten sich die Menschen vor Ort und was ist die Intension dahinter?
- Die Möglichkeit schaffen, dass das Kind anderen Kindern begegnen kann (Kinder sind meistens wahre Talente darin sich mit Händen und Füßen zu verständigen)
- Trost spenden: Vielleicht hilft es ja schon ein bisschen das Lieblingsessen des Kindes zu kochen
Übrigens sind für Kinder Rituale und Routinen super wichtig. Sie bilden einen wichtigen Orientierungsrahmen für sie, der ihnen Sicherheit gibt. Von daher macht es gerade bei Reisen total Sinn Rituale von zuhause weiter zu pflegen. Tischsprüche, Abendroutinen und co verleihen dem Tag in einer fremden Umgebung Struktur und helfen übrigens auch gut sich an Zeitverschiebungen anzupassen.
Und meinem Sohn? Dem geht es heute schon wieder ein bisschen besser. Beim Abendessen fragte er: „Wie heißt nochmal Wasser auf spanisch?“ „Ja, genau Agua… das will ich!“
